Eine Ausstellung des Museum Haus Konstruktiv in Kooperation mit der Richard Paul Lohse-Stiftung, dem MASI Lugano, dem Josef Albers Museum, Bottrop, und dem Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen am Rhein
Das Museum Haus Konstruktiv eröffnet sein Jahresprogramm 2026 mit einer umfassenden Einzelausstellung zu Richard Paul Lohse (1902–1988). Der Zürcher Maler und Grafiker, der sich durch pointierte Reflexionen auch als Theoretiker einen Namen machte, zählt zu den Schlüsselfiguren der konstruktiv-konkreten Kunst. Mit seinem vielschichtigen Werk prägte er nicht nur die Entwicklung der modernen Schweizer Grafik, sondern auch die internationale Avantgarde der Nachkriegszeit. Aus heutiger Sicht besonders bemerkenswert ist, dass Lohse seine rationalen und seriellen Bildsysteme bereits in den 1940er- und 1950er-Jahren entwickelte, also noch bevor sich aus vergleichbaren Impulsen in diese Richtung wichtige Künstlerbewegungen der 1960er-Jahre herausbildeten. Zudem vertrat er mit grossem sozialpolitischem Engagement die Überzeugung, dass Kunst stets auch ein Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen sei.
Im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung steht Lohses malerisches Werk. Anhand von über fünfzig Werken, die zwischen 1942 und 1987 entstanden sind, geben wir Einblick in sein Schaffen, das sich von abstrakten Ansätzen hin zu einer geometrisch-systematischen Bildsprache entwickelte.
5.2.– 10.5.2026
kuratiert von Sabine Schaschl und Evelyne Bucher
Nach einer Lehre und Anstellung als Reklamezeichner im Büro des bekannten Werbers Max Dalang machte sich Richard Paul Lohse 1930 erfolgreich als Grafiker und Typograf selbstständig. Neben seiner beruflichen Tätigkeit interessierte er sich für die Malerei und wandte sich – nach frühen figurativen und abstrakten Arbeiten – zu Beginn der 1940er-Jahre der konstruktiv-konkreten Richtung zu. Wichtige Impulsgeber hierfür waren die niederländische De-Stijl-Bewegung und der russische Konstruktivismus.
In beiden Schaffensfeldern, in der Gebrauchsgrafik wie in der freien Kunst, verfolgte er konsequent den Anspruch, ästhetische Form mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden – ganz im Sinne seiner Überzeugung, dass Ästhetik ohne soziale Verankerung nicht denkbar sei. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass sich Lohse auch politisch und kulturpolitisch engagierte. Er initiierte und organisierte zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, war Gründungsmitglied der Allianz – Vereinigung moderner Schweizer Künstler und unterstützte aktiv die antifaschistische Bewegung in Deutschland, Frankreich und Italien. Er wandte sich mit Appellen an Entscheidungsträger im Kulturbereich und setzte sich öffentlichkeitswirksam sowohl für die Anerkennung der konstruktiv-konkreten Kunst als auch für die Förderung ausgewählter Künstlerinnen und Künstler ein.
Geprägt von einer entbehrungsreichen Jugend – nach dem frühen Tod seines Vaters hatte die Familie in ärmlichen Verhältnissen gelebt –, machte sich Lohse zeitlebens für soziale Gleichheit stark und übersetzte sie konsequent in gestalterische Prinzipien, so zum Beispiel in die Mengengleichheit aller in einem Bild verwendeten Farben. «Meine Arbeiten», so formulierte er es selbst in einem 1988 veröffentlichten Dokumentarfilm über ihn, «versuchen ein Bild davon zu geben, wie die Strukturen der Welt verbessert werden könnten.»
Ab 1943 konzentrierte er sich auf orthogonal strukturierte Bildfelder: Es entstanden bildfüllende Systeme mit einem zunehmend erweiterten Farbspektrum. Für Lohse waren sie Ausdruck einer modernen, nicht-hierarchischen Gesellschaft. Sein rationaler, von Struktur und Logik geprägter Ansatz öffnete durch die Nachvollziehbarkeit der im Werk angewendeten Methode den Dialog mit den Betrachtenden und bot damit ein zeitgemässes Gegenkonzept zum Klischee des intuitiv arbeitenden Künstlers. Seine theoretischen Überlegungen, Erkenntnisse und Postulate hat Lohse in den über mehrere Jahrzehnte verfassten Entwicklungslinien erläutert.
Lohses Ideen und seine Arbeitsweise werden besonders anschaulich in den Entwürfen, Konstruktionszeichnungen und Farbtabellen, die er ab 1943 entwickelte. In ihnen legt er offen, nach welchen Regeln seine Bilder entstanden. Mithilfe von Notizen, Zahlen und Diagrammen erläutert er den Aufbau seiner Gemälde Schritt für Schritt. Viele Werke beruhen auf festen Zahlensystemen, die die einzelnen Arbeitsschritte in übersichtlichen Tabellen strukturieren. «Meine Bilder kann man durchs Telefon geben», sagte der Künstler viele Jahre später anlässlich einer Ausstellung im Kunstverein München.
Diese frühen Zeichnungen, von denen wir eine Auswahl in Vitrinen präsentieren, bilden die konzeptuelle Grundlage seines Werks. Ausgeführt wurden die meisten Gemälde jedoch erst nach 1960, bedingt durch seine umfangreiche berufliche Tätigkeit. Die zeitliche Distanz zwischen Konzeption und Ausführung ist durch eine Doppeldatierung dokumentiert; gelegentlich findet sich eine dritte Zahl, die auf die Anzahl der Variationen verweist, die auf demselben mathematischen System basieren.
Die frühesten in der Ausstellung gezeigten Malereien stammen aus dem Jahr 1942 und tragen die Titel Abwandlung einer Figur, Verwandlung von vier gleichen Figuren und Dynamische Konstruktion. Sie zeigen frei im hellen Bildraum schwebende Kurvaturen und geometrische Formen – vorwiegend Dreiecke – in Rot, Gelb, Blau und Schwarz, die gewisse Anklänge an Kasimir Malewitschs suprematistische Werke erkennen lassen.
Noch im selben Jahr verabschiedete sich Lohse vom Dreiecksmotiv und richtete den Fokus auf die Vertikale. Beispielhaft hierfür sind die beiden Werke Vertikaler Rhythmus (1942) oder Konkretion I (1945/1946), in denen feine vertikale Linien den hellen Bildgrund strukturieren.
Bald darauf wurden die vertikalen Linienstrukturen allmählich von rechteckigen und quadratischen, die ganze Bildfläche ausfüllenden Farbfeldern abgelöst, die Lohse in «modulare» und «serielle» Ordnungen unterteilte.
Werke der modularen Ordnung basieren auf der systematischen Manipulation eines Grundmoduls – etwa durch Drehung, Vervielfachung oder Vergrösserung.
Die seriellen Ordnungen wirken weitaus komplexer. Diese Werke zeigen bis zu dreissigstufige chromatische Reihen in zyklisch oder doppelzyklisch angelegten Farbketten, die aufgrund ihrer Versetztheit und Farbrhythmik eine hochdynamische Wirkung erzeugen.. Hinweise für die Entschlüsselung der systematisch aufgebauten Bilder lieferte der Künstler gleich selbst: anhand seiner Titel.
Das Schaffen Richard Paul Lohses zeugt, auch wenn der konzeptuelle Grundstein früh gelegt war, von einer eindrücklichen technischen und formalen Weiterentwicklung: Der Farbauftrag wirkt über die Jahre gesättigter und leuchtender, die Abstufungen entfalten ein immer reicheres und differenzierteres Kolorit.
Lohse, der gemeinsam mit Max Bill, Camille Graeser und Verena Loewensberg zum Kern der Zürcher Konkreten zählte, setzte sich intensiv für die Anerkennung der konstruktiv-konkreten Kunst in der Schweiz ein. Es war aber vor allem seine Teilnahme an internationalen Ausstellungen, die ihm grössere Bekanntheit verschaffte. Seine erste museale Retrospektive fand 1961 im Stedelijk Museum in Amsterdam statt; 1965 bespielte er gemeinsam mit Jean Tinguely den Schweizer Pavillon an der 8. Biennale von São Paulo. Von besonderer Bedeutung waren zudem seine Teilnahmen an der documenta 4 in Kassel im Jahr 1968, an der 36. Biennale von Venedig 1972, bei der er die Schweiz vertrat, sowie seine erneute Beteiligung an der documenta im Jahr 1982.
Auf Einladung des damaligen documenta-Leiters Rudi Fuchs zeigte Lohse dort unter anderem die drei grossformatigen Variationen A, B und C mit dem Titel Serielles Reihenthema in achtzehn Farben, die als Höhepunkt seiner seriellen Ordnungen gelten und im hinteren Saal im Haus Konstruktiv vereint sind. Die fast sechs Meter langen Malereien bestehen aus einem Raster von jeweils 108 Quadraten, angeordnet in sechs Reihen mit je 18 Farbtönen. Diese folgen dem Prinzip der Farbmengengleichheit: Alle Farbtöne innerhalb des Rasters haben mengen- und flächenmässig das gleiche Gewicht. Das dreiteilige Werk ist eine Herausforderung für die visuelle Wahrnehmung. Es bezieht den Raum sowie die Betrachtenden mit ein und präsentiert sich in deren Bewegung als eine offene und wandelbare Struktur.
Waagrechte Dominante mit violettem Quadrat (1950/1977), Diagonalordnung aus heller Gleichung und Kontrast (1956/1975), Kreuz aus Gleichung und Kontrast (1955/1976) sowie Gelb verbunden mit Rot (1956/1985) aus der Serie Neun Quadrate spielen in der späten Schaffensphase des Künstlers eine zentrale Rolle. Sie zeigen eine Verdichtung seines modularen Kompositionsprinzips. Mit diesen Werken war Lohse 1988 in seiner ersten Einzelausstellung in den USA an zwei bedeutenden Orten vertreten: zunächst in Marfa, Texas, in der von Donald Judd, einem Hauptvertreter der Minimal Art, gegründeten Chinati Foundation, und anschliessend in New York in der Spring Street 101, dem Atelier- und Wohnhaus des amerikanischen Künstlers.
Die Ausstellung im Haus Konstruktiv macht deutlich, dass die in den 1940er- und 1950er-Jahren entwickelten Malereien Lohses zahlreiche Tendenzen vorwegnehmen, die später kunsthistorische Bedeutung erlangten. Dazu zählen die Farbfeldmalerei ebenso wie konzeptuelle und minimalistische Strömungen bis hin zur computergenerierten Kunst.
Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog im Hatje Cantz Verlag erschienen (d/e/i). Mit Beiträgen von Tobia Bezzola, Evelyne Bucher, Taisse Grandi Venturi, Sabine Schaschl und Linda Walther.
Mit grosszügiger Unterstützung von
Merzbacher Kunststiftung
Weitere Unterstützung von
Elisabeth Weber-Stiftung
Albert Huber-Stiftung
Museum Haus Konstruktiv wird unterstützt von seinen Gönner:innen, Mitgliedern und