Hedi Mertens

Der künstlerische Werdegang von Hedi Mertens (1893, Gossau/SG, CH – 1982, Carona, CH) verlief alles andere als gewöhnlich: Nach einer frühen Ausbildung – zunächst in der Malklasse von Wilhelm Hummel in Zürich (ab 1912) und dann an der Debschitz-Schule in München (ab 1914) – begann sie erst 1960, im Alter von 67 Jahren, sich ganz der Malerei zu widmen.
In den Jahrzehnten dazwischen führt Mertens (geb. Eberle) ein bewegtes Leben. 1930 bezieht sie mit ihren zwei Kindern aus erster Ehe und Walter Mertens, ihrem zweiten Mann, den Bünishof in Feldmeilen. Wenig später bekommt das Paar zwei weitere Kinder. Ihr Anwesen entwickelt sich bald zu einem kulturellen Zentrum, das Persönlichkeiten wie Hermann Hesse, Carl Gustav Jung und die expressionistische Künstlerin Helen Dahm anzieht. Mit ihr verbindet Mertens eine enge Freundschaft, die sie 1938 zusammen nach Indien zu Shri Meher Baba führte. Der Mystiker, dessen Lehre bis heute verbreitet wird, ist später mehrfach zu Gast bei der Künstlerin.
Nach Walter Mertens’ Tod 1943 übersiedelt Hedi Mertens 1952 ins Tessin, wo sie 1953 gemeinsam mit dem Maler Arend Fuhrmann ein Haus in Carona bezieht. Hier wendet sie sich ab 1960 voll und ganz der konkreten Malerei zu. Inspiriert wird sie hierzu unter anderem durch ihren intensiven Austausch mit Richard Paul Lohse, den Kontakt mit Leo Leuppi und die Nähe zu Fuhrmann. Auch der Besuch eines Vortrags über das Tonsystem chinesischer Musik gibt ihr wichtige Anregungen für ihr Schaffen.
Binnen 20 Jahren erschafft sie ein beeindruckendes Œuvre von rund 200 Werken. Dabei arbeitet Mertens ausgehend vom Quadrat und experimentiert mit verschiedenen Systemen, Variationen und Farbbeziehungen, wobei die Intuition stets eine zentrale Rolle spielt. Ihre Werkgruppen schliessen gleichwohl kohärent aneinander an, und auch die meisten ihrer Werktitel, beispielsweise «Weisser Grund, schwarz, drei rote Quadrate um blaue Mitte oder Komposition mit starkem Mittelquadrat», ermöglichen einen unmittelbaren Einblick in ihre Arbeitsweise. Das Gemälde «Ohne Titel» von 1972, welches sich im Bestand unserer Sammlung befindet, bildet hier eine Ausnahme, lässt sich jedoch jener Werkgruppe zuordnen, in der Mertens verschieden grosse Quadrate spiralförmig arrangiert. So bringt sie die Themen Bewegung und Rhythmus in den Bildaufbau ein. Nach diesen spielerisch und intuitiv angewandten Systemen lässt Mertens in ihren letzten Bildern die Quadrate auf weissem Grund schweben. In hellen Farbtönen und mit minimalen Formen findet sie eine Sprache für Transzendenz.

Muriel Pérez
Werke von Hedi Mertens