Kartonkisten, Metallscheiben, Holzlatten, Filzbälle – so banal die Gegenstände anmuten, die in der künstlerischen Praxis von Zimoun (1977, Bern, CH) zur Anwendung kommen, so spektakulär ist die Wirkung, die sie im Ausstellungsraum entfalten: In hundertfacher Ausführung und nach bestimmten Prinzipien (zum Beispiel in Rasterformation) angeordnet, werden sie mithilfe von ebenso vielen Gleichstrommotoren in Bewegung versetzt und zum Klingen gebracht. Die durch den Zufall mitbestimmten optischen und akustischen Muster lassen das Publikum in eine reizvolle Monotonie eintauchen, repetitiv und facettenreich zugleich.
Für seine Einzelausstellung im Museum Haus Konstruktiv 2021 realisierte Zimoun zwei immersive Raum- und Klanginstallationen, die er auf die architektonischen Gegebenheiten des Hauses abstimmte. Eine davon trug den Titel «104 prepared dc-motors, 825 cardboard boxes 35 x 32.5 x 32.5 cm» und setzte sich aus der genannten Anzahl Kartonschachteln zusammen, die in Dreiergruppen scheinbar beiläufig aufeinandergestapelt im Raum standen. Manche waren mit einem Motor ausgestattet, der wiederum mit einem Gewicht versehen war. Die durch die Rotation dieser «Pendel» erzeugte Unwucht setzte die Kisten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten stossweise in Bewegung. Aufgrund der Stapelung geriet die jeweils ganze Konstruktion ins Wanken. Es entstanden repetitive Kratz-, Reib- und Schabgeräusche, die in ihrer Fülle den Ausstellungsraum in einen Klangkörper verwandelten. Ein Arrangement aus dieser Arbeit, «5 prepared dc-motors, 27 cardboard boxes 35 x 32.5 x 32.5 cm», ist nach der Ausstellung in die hauseigene Sammlung eingegangen.
Mit mechanisch erzeugter Bewegung und dem kalkulierten Zufall haben sich seit den 1950er-Jahren bereits die Vertreter:innen der kinetischen Kunst intensiv beschäftigt, unter ihnen Gianni Colombo und Gerhard von Graevenitz. Zimoun knüpft mit seiner Arbeit lose an diese historischen Positionen an, wobei der Fokus weniger auf der Bewegung an sich als auf den durch sie erzeugten Klängen liegt. Die betont reduzierte Ästhetik eröffnet zudem Bezüge zur Minimal Art der 1960er-Jahre. Auf sie spielt das aus (nahezu) würfelförmigen Einzelobjekten bestehende Sammlungswerk nicht zuletzt mit seiner Platzierung auf dem Boden an. Assoziationen mit Donald Judds «Boxes» drängen sich auf. Anders als dessen hochpolierte und akkurat positionierte Kuben ist Zimouns Installation jedoch aus alltäglichen Werkstoffen gefertigt, wodurch sich Verbindungen zur Materialästhetik der italienischen Arte povera aus derselben Zeit ergeben.
Eliza Lips