Anlässlich seines 35-jährigen Bestehens richtet das Museum Haus Konstruktiv eine spektakuläre Sammlungsausstellung aus. Unter dem Titel RESET werden ausgewählte Neuzugänge zusammen mit herausragenden, schon länger nicht mehr gezeigten Sammlungswerken präsentiert. Unter der Rubrik «Spotlight» wird die Werkauswahl durch neu produzierte Arbeiten von vier jüngeren Schweizer Künstler*innen ergänzt. Anhand ihrer Positionen machen wir anschaulich, in welche Richtung unsere Sammlung künftig erweitert werden könnte.
Der Impuls, sich immer wieder eingehend mit der hauseigenen Sammlung auseinander-zusetzen, ihre verschiedenen Facetten auszuleuchten und zu erweitern, ist in der Museumsarbeit stets präsent, hat durch die Pandemie jedoch noch einmal mehr an Intensität gewonnen. Mit RESET beziehen wir uns auf einen Begriff aus der Elektronik, mit dem das Zurücksetzen eines Systems in seinen definierten Ausgangszustand beschrieben wird. In Anlehnung an diesen Vorgang besinnen wir uns mit der Schau auf unsere Kernaufgaben – das Sammeln, Konservieren und Vermitteln von konstruktiv-konkreter und konzeptueller Kunst: Wo liegen die Anfänge unserer Sammlung? Wie präsentiert sie sich im Moment? Wohin entwickelt sie sich und wie ist sie mit aktuellen Fragen und Themenfeldern vernetzt?
Entstanden ist eine Ausstellung, die Malerei, Skulptur, Installation und Video umfasst und neue Denkräume generiert, indem sie verblüffende Verbindungslinien zieht: von jüngsten Erwerbungen und Schenkungen bis zu älteren Sammlungswerken aus dem weiteren Umfeld der Zürcher Konkreten. Dass wir uns nicht nur als ein Museum mit Erlebnischarakter verstehen, sondern vor allem auch als ein Kompetenzzentrum für die wissenschaftliche Aufarbeitung konstruktiv-konkreter und konzeptueller Kunst, deren Vermittlung eines unserer höchsten Ziele ist, haben wir bereits mit zahlreichen fundierten Publikationen deutlich gemacht. Mit den eingehenden Textbeiträgen zu den in unserer Sammlung und in der Ausstellung vertretenen Künstler*innen lösen wir diesen Anspruch ebenfalls ein.
Den Auftakt zur Ausstellung bildet die grossflächige begehbare Bodenarbeit Ohne Titel (fünf eins sechs sieben neun elf zwei) des deutschen Konzeptkünstlers Michael Riedel (*1972) von 2014. Sie besteht aus einem Set von 14 Postern, die so oft vervielfältigt wurden, dass sie die gesamte Bodenfläche im Erdgeschoss mit einem Muster aus Textfragmenten und geschwärzten rechteckigen Flächen auf weissem Grund überziehen. Bei dem abgedruckten Text handelt es sich um ein Transkript von Gesprächen, die 2003 während eines Ausstellungsaufbaus in der Wiener Secession geführt wurden. Riedel realisierte dort einen Nachbau seines Kunstraums «Oskar-von-Miller-Straße 16». Prinzipiell als Anleitung zur Rekonstruktion der Räumlichkeiten lesbar, wurde das Transkript für die Poster so bearbeitet, dass die Lesbarkeit als Kriterium in den Hintergrund und Text als Material von Riedels Kunstproduktion in den Vordergrund tritt.
Ausschliesslich in Schwarz und Weiss präsentieren sich auch die Werke des deutschen Künstlers Manfred Mohr (*1938), der zu den Pionieren der digitalen Kunst zählt. Seit den späten 1960er-Jahren entwickelt er auf Algorithmen basierende Plotterzeichnungen, in denen er die zweidimensionale Darstellung des Kubus, den er bis in die sechste Dimension erweitert, systematisch untersucht. Auf einen fünfdimensionalen Hyperwürfel geht das Liniencluster der computergenerierten Malerei P. 453 AH/8 (1990) zurück, die vor zwei Jahren neu in die Sammlung eingegangen ist. Der Computerkunst verschrieben war auch der tschechische Maler Zdeněk Sýkora (1920–2011). Anders als bei Mohr entstanden bei Sýkoras Arbeit mit dem Computer frei anmutende Linienbilder, in denen Linienstärke, Linienverlauf und Farbgebung durch ein limitiertes Zufallsprogramm festgelegt wurden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Ausstellungshalle finden sich zwei grossformatige Gemälde von Cristina Spoerri (1929–2013), in denen geometrische und lyrische Setzungen in einem dynamischen Balanceakt stehen.
Das imposante Mondrian Mobile (2018) von Thomas Moor (*1988) und die kleinformatige Malerei Bauhaus Porn (2020) von Francisco Sierra (*1977) zählen zu den jüngsten Neuzugängen in der Sammlung des Museums. Moors Mobile bezieht sich auf einen Verkaufsartikel aus dem Shop des Guggenheim Museum, der 1996 von Greenberg & Kingsley entworfen wurde. Um dem Plagiatsvorwurf der Alexander Calder Foundation entgegenzutreten, reicherten die Designer ihren ursprünglichen Entwurf mit geometrischen Grundformen in Rot, Gelb, Blau, Weiss und Schwarz an, die an die neoplastizistischen Kompositionen des niederländischen Malers Piet Mondrian erinnern. Fasziniert von der Geschichte dieser kruden Neuschöpfung schuf Moor ein grossformatiges Kunstobjekt im Massstab 5:1; ein Original, auf das sich der Dekoartikel, der übrigens auch in unserem Museumsshop erhältlich ist, nun «nachträglich» beziehen kann. Auch Francisco Sierra spielt mit seinem Werk auf die Kunst der 1920er-Jahre an. Mit minimalen Eingriffen überführt Sierra Dreieck, Quadrat und Kreis in eine figurative, nicht ganz jugendfreie Szene und einen zynischen Kommentar auf die Popularität der Bauhaus-Ära.
A Wall from the Atelier lautet der Titel der Installation von Cassidy Toner (*1992). Der grossformatige Fotoprint auf Tyvek-Papier zeigt eine Wand aus Toners Atelier. Sie scheint den Betrachter*innen Einblick in das private Künstleratelier zu gewähren – bis auf die feinsten Drähte vor der und die Nägel in der Wand. Der tiefe Riss im Papier zerstört jedoch die Illusion einer intimen Beziehung zwischen Künstlerin, Kunstwerk und Betrachter*in. Dabei schwingen Verweise auf Lucio Fontanas geschlitzte Leinwände und auf Ad Reinhardts Cartoon How to Look at a Cubist Painting von 1946 gleichermassen mit.
Der Ausstellungsraum im ersten Stock steht ganz im Zeichen der Beziehung zwischen konstruktiv-konkreter und dadaistischer Kunst. Wie verbunden diese beiden – von der Kunstgeschichte meist als vollkommen gegensätzlich aufgefassten – künstlerischen Strömungen sein können, zeigt sich am Beispiel von Sophie Taeuber-Arp (1889–1943). Sie machte in den 1910er- und 1920er-Jahren mit Auftritten im Kreis der Zürcher Dadaisten von sich reden und schuf zugleich malerische und textile Arbeiten mit abstrakt-geometrischen Kompositionen. Die Rekonstruktion ihrer 1926–1928 in Strassburg mit Hans Arp und Theo van Doesburg gestalteten, 1938 zerstörten Bar Aubette zählt zu den Highlights unserer Sammlung. Für die Wände und die Decke wählte Taeuber-Arp eine Komposition aus einer Vielzahl monochromer rechtwinkliger Flächen in unterschiedlichen, fein aufeinander abgestimmten Farbklängen.
Neben Fritz Glarners Rockefeller Dining Room (1963/64), der permanent im vierten Stock unseres Museums zu sehen ist, gehört die Bar Aubette zu den bedeutendsten konstruktivistischen Raumgestaltungen, in denen sich Malerei und Architektur zu einem Kunst-Lebensraum verbinden.
Den Arbeiten Immprrecision Optics und Dada Kopf von Sadie Murdoch (*1965) kommt in der Ausstellung eine ähnlich vermittelnde Rolle zwischen konstruktivistischen und dadaistischen Tendenzen zu. In ihren in Schwarz-, Weiss- und Grautönen gehaltenen Farbfotografien verwendet die britische Künstlerin archiviertes Bildmaterial – hier von der Bar Aubette und von Taeubers berühmter Porträtfotografie mit Dada Kopf aus dem Jahr 1920 – und lässt diese mit Fragmenten ihres eigenen Körpers zu ebenso wohlkomponierten wie rätselhaften Szenerien verschmelzen. Im Spannungsfeld zwischen Strenge und Spiel, Realität und Fiktion stehen auch die weiteren Exponate in diesem Raum. Während die ausgestellten Arbeiten von Romy Weber (*1936) und Ulla von Brandenburg (*1974) eher in der Tradition von Dada stehen, zeigen die Gemälde von Willy Müller-Brittnau (1938–2003), von Jakob Bill (*1942) und im weiteren Sinne auch die von Clare Goodwin (*1973) starke Bezüge zur konstruktiv-konkreten Kunst.
Beim Eintritt in die Säulenhalle fallen als erstes die Werke von Daniel Göttin (*1959) und Rita Ernst (*1956) ins Auge. Beide Kunstschaffende beschäftigen sich mit Fragen der Architektur und des Raums. Göttins installative Arbeit Multiple Display 2 besteht aus neun Multiplexlatten, die mit verschiedenen Streifenformationen in kräftigem Rot, Schwarz und Weiss bemalt sind. In regelmässigen Abständen zueinander an die Wand gelehnt, werden die Leerstellen in das Werk integriert und wird das Werk wiederum Teil des Raums. Die Gemälde Cristallina III und Cristallina IV von Rita Ernst basieren auf Grundrissen historischer Castelli. Mit der rhythmischen Verteilung von vertikalen und horizontalen Feldern und Balken in Schwarz, Grau, Silber und Weiss kreiert die Künstlerin Bildräume, die durch ein spannendes Spiel mit dem Verhältnis von Figur und Grund belebt sind. Eine orthogonale Linienstruktur organisiert auch die Bildfläche der 1996 entstandenen Arbeit Mieder von Beat Zoderer (*1955). Anders als bei Ernst ist diese Struktur aber nicht gemalt, sondern besteht aus Strumpfbändern in verschiedenen Beige- und Brauntönen, die sich lose geflochten um die Leinwand spannen.
Markus Weggenmann (*1953) vereint in seiner konzeptuellen Malerei geometrische Abstraktion und angedeutete Gegenständlichkeit. Im Zentrum seines Schaffens stehen stets verschiedene Untersuchungen zur Farbe; sei es in seinen frühen, von eigener Hand gemalten Streifenbildern wie Ohne Titel (20.6.1994) oder in seinen mit Autolack besprühten Aluminiumbildern wie Kraut (Nr. 230), die ein amorphes Formenvokabular auszeichnet.
Weitere Werke in der Säulenhalle und im linken Kabinett – von Marina Apollonio (*1940), Arturo Di Maria (*1940), Ulrich Elsener (*1943), Arend Fuhrmann (1918–1984), Hans Jörg Glattfelder (*1939), Marguerite Hersberger (*1943), Hans Hinterreiter (1902–1989), Marcello Morandini (*1940), Peter Somm (1940), Renato Spagnoli (1928–2019), Anton Stankowski (1906–1998), Jürg Stäuble (*1948), Peter Struycken (*1939), Gido Wiederkehr (*1941), Shizuko Yoshikawa (1934–2019) – basieren im weitesten Sinne auf geometrischen Konstruktionsprinzipien, so wie sie von Vertretern der konstruktiv-konkreten Kunst der ersten Generation etabliert und in den darauffolgenden Generationen auf mannigfaltige Weise weiterentwickelt wurden.
Die Minimal Art und die Konzeptkunst, beide initiiert in den 1960er-Jahren und bis heute hochaktuell, knüpfen an zentrale Prinzipien der konkreten Kunst an; an die reduzierte Formensprache, den starken Fokus auf die (Bild-)Oberfläche sowie an das Postulat der Objektivität und die Zurücknahme des künstlerischen Subjekts. Die Werke von Andreas Brandt (1935–2016), Jan van Munster (*1939), Nelly Rudin (1928–2013) und Natalia Stachon (*1976), die in der Säulenhalle im rechten Kabinett präsentiert werden, stehen in enger Verbindung zu diesen Ansätzen. Im kleineren Ausstellungsraum, gegenüber der Säulenhalle zählen die Arbeiten von Heidi Künzler (1943–2019) und Carsten Nicolai (*1965) dazu. Die Arbeiten von Künzler sind meist mehrteilig, aus einfachen Formen gestaltet und wecken die Aufmerksamkeit für räumliche Relationen. Dies gilt auch für die sechs blauen Acrylglasscheiben und die Raumintervention aus zwei aufeinanderliegenden Balken in Schwarz und Grün. Beide Werke sind Teil eines Konvoluts, das dem Museum Haus Konstruktiv im vergangenen Jahr aus dem Nachlass der Künstlerin geschenkt wurde.
Carsten Nicolai, der vor allem für seine Sound- und Lichtinstallationen bekannt ist, beschäftigt sich in seinem Schaffen mit naturwissenschaftlichen Phänomenen und der Sichtbarmachung versteckter Ordnungssysteme. Perfect Square visualisiert ein mathematisches Prinzip mittels geschichteter, gespiegelter Glasflächen: Als «Perfektes Quadrat» wird ein Quadrat bezeichnet, das sich aus unterschiedlich grossen Einzelquadraten zusammensetzt. Dass dafür mindestens 21 Einzelquadrate nötig sind, konnte 1978 mathematisch bewiesen werden. Neben Künzler und Nicolai zeigen wir Arbeiten von Olivier Mosset (*1944), Sylvie Fleury (*1961) und Beat Huber (1956). Unterschiedlich in ihrer Umsetzung, greifen sie sowohl auf die Bildästhetik der 1960er- (Hard Edge) und 1980er-Jahre (Neo-Geo) wie auch auf Zeichen und Motive der Populärkultur (Werbung, Signaletik) zurück. Verwandte Ansätze lassen die Videoarbeit von Dominik Stauch (*1962) (Hard Edge Ride 2011) im Treppenhaus und die Wandmalerei (Easy Heavy III und Eye to Eye 2013) von Claudia Comte (*1983) im Museumscafé erkennen.
Eine andere Situation ist in den Räumen des vierten Stockwerks anzutreffen: Hier stehen vier jüngere Kunstschaffende im Fokus, die im Kontext der Sammlungsausstellung unter der Rubrik «Spotlight» je einen Raum bespielen. Dabei hatten sie freie Hand.
Gleich im ersten Ausstellungsraum zieht Guillaume Pilet (*1984) das Publikum mit einer immersiven Inszenierung in den Bann: mit einer Wandmalerei, einem gebogenen Panoramabild, drei podestähnlichen Objekten in schrillem Himbeerrot, Zitronengelb und Himmelblau und einer Videoarbeit. Der erste Eindruck, der Künstler habe es darauf abgesehen, das Publikum mit irisierenden Farben und Mustern sinnlich zu verführen oder gar zu überfordern, ist nur ein Zugang zu dieser vielschichtigen Raumsituation. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass Pilet sich für seine Konzeption eingehend mit Ordnungssystemen in der Kunst- und Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat. Die Höhe der Leinwandoberkante beispielsweise entspricht mit 226 Zentimetern der Gesamthöhe eines 183 cm grossen Mannes mit ausgestrecktem Arm. Dieser Durchschnittswert war massgebend für das von Le Corbusier zwischen 1942 und 1955 entwickelte Proportionssystem, den sogenannten «Modulor». Der Modulor stellte einen Versuch dar, der Architektur eine am Mass des Menschen orientierte mathematische Ordnung zu geben. Überhaupt spielt der menschliche Körper eine wichtige Rolle in Pilets Inszenierung. So wurde das Panoramabild während einer mehrtägigen Performance von einem mit Bodypaint bemalten Mann realisiert. Das Muster auf dessen Haut glich wiederum demjenigen der Wandmalerei und verlebendigt diese gewissermassen. Darüber hinaus ist die Verbindung von Farbe, Muster und Körper in Bewegung auch in Pilets zauberhaft-poetischer Videoarbeit zu sehen. Sie zeigt ein Chamäleon, dessen Haut sich der farblich wechselnden Umgebung angleicht. Dieser auch durch das Video erfahrbare sinnlich-empfindsame Zugang zur Kunst, selbst zur geometrisch-abstrakten, ist ein wichtiges Anliegen des Künstlers, der unter anderem bei John Armleder und Philippe Decrauzat an der ECAL in Lausanne studiert hat. Im Vorfeld seiner Präsentation im Museum Haus Konstruktiv verfasste Pilet ein «Palimpseste» über das 1930 von Theo van Doesburg mitverfasste Manifest (die «Grundlage») der konkreten Kunst. Aus dem Originaltext wurden Passagen gestrichen, sodass nur noch Worte bleiben, die Pilets Idee einer abstrakt-geometrischen Kunst entsprechen, darunter: «L’art est universel» oder «L’œuvre d’art doit être entièrement conçue et formée par l’esprit, la nature, la sensualité, la sentimentalité.»
Beinahe meditativ mutet die Raumintervention von Sam Porritt (*1979) an. Der Künstler hat insgesamt acht Objekte so platziert, dass sie einen Raum im Raum andeuten. Die Eckstücke mit gewellten Kanten sind aus Styropor gefertigt, mit Leinwand beklebt und mit einem Gemisch aus Marmorstaub, Sand, Bindemittel und Pigment in Naturtönen bemalt. Der Farbauftrag erinnert an den ausgewaschenen Verputz italienischer Pallazzi und verleiht den Elementen einen quasi historischen Anstrich. Zugleich lassen sich die Objekte auch in Beziehung zu Arbeiten von Robert Morris oder Sol LeWitt setzten, die sich als Vertreter der Minimal Art in den 1960er-Jahren mit der Raumecke als architektonische Struktur befassten. Im Titel Untitled (Where Dust Gathers) schwingen beide kunst- und architekturhistorischen Referenzen mit: Untitled betont die Nüchternheit der Selbstreferenzialität, während die Klammerbemerkung Where Dust Gathers die Poetik des natürlich Gealterten unterstreicht.
Die gewellte Linie ist ein wiederkehrendes Motiv im künstlerischen Schaffen von Sam Porritt, sowohl in seinen gegenständlichen wie auch in seinen nicht-gegenständlichen Bildkompositionen auf Papier. Seit einigen Jahren übersetzt Porrit sie in den dreidimensionalen Raum. Analog zu der Funktion, die ihr in technischen Zeichnungen zukommt, wird sie auch hier im Raum zum Zeichen für die zu imaginierenden Wand-, Boden- und Deckenteile oder, wie Porritt es ausdrückt, zum «visual equivalent of an etc or blah blah blah.»
Architektur ist auch für Alexander Bühler (*1977) eine wichtige Inspirationsquelle. In seiner Präsentation im Museum Haus Konstruktiv sind es alltägliche Eindrücke aus dem Stadtbild von Mexico City, die einfliessen: die geometrische Anordnung der historischen Stadtanlage aus der Vogelperspektive, bunte Fassadenbemalungen oder Reklametafeln, die die verkommenen Highways flankieren. Bühler, der am Chelsea College of Art and Design studiert hat und heute abwechselnd in Mexico City und Zürich lebt, übersetzt solche Impressionen seit 2014 intuitiv in eine abstrakt-geometrische Formensprache. Erste Entwürfe dienen dabei als Vorlage für grössere Bildtafeln aus Holz. Die starke Maserung betont die Materialität des Bildträgers, der wesentlicher Bestandteil der Komposition ist. Streifen aus roh belassenem Holz, die vor dem Auftrag der Farbe abgeklebt wurden, ergeben die Binnenstruktur der einzelnen Paneele. Dabei fällt auf, dass an einigen Stellen spontan Unregelmässigkeiten auftreten, überall dort wo die gerissene Kante des Klebebands Spuren hinterlassen hat. Die Farbflächen trug Bühler in einer oder mehreren Schichten aus Acryl mit dem Pinsel auf, was auch die Beschaffenheit dieses Materials unterstreicht.
Insgesamt acht solcher knallbunten Paneele sind im Ausstellungsraum zu einer Art Plakatwand zusammengefügt, die – quer in den Ausstellungsraum eingepasst – diesen in zwei Hälften teilt. Eine weitere Tafel versteckt sich dahinter, hier nun als Gemälde. Mit dem Titel Billboard Nostalgia bezieht sich Bühler auf Erinnerungen an Autofahrten durch seine zweite Heimat: «In Mexiko sind viele dieser Billboards auf den Highways leer und ohne jeglichen Inhalt. Wind, Sonne und Regen hinterlassen abstrakte Bilderwelten, Rudimente vergangener Botschaften. Sie erinnern an ein vergangenes Momentum und bergen ihre eigene Art von Poesie.»
Eins nach dem andern nennt sich das filigrane installative Setting, das Ana Strika (*1981) eingerichtet hat. Anders als bei früheren Arbeiten, die sich vornehmlich über den Raum definieren, zeichnet sich ihre neueste Arbeit im Museum Haus Konstruktiv durch den Fokus auf die Wände aus, während das Innere des Raumes, die eigentliche Bühne, leer bleibt. Wie der Titel andeutet, hat die Künstlerin dazu eine Vielzahl von Objekten aus feingliedrigen Ästen, Kartonstücken, Papierschnipseln, Holzklötzen, Seilen, Drahtgeflechten, Stoffstücken, geformtem Plastilin, Fimo, Modeliermasse oder Gips mit höchster Präzision eines nach dem anderen den Wänden entlang platziert. Diese sogenannten «Requisiten» stammen aus dem persönlichen Fundus der Künstlerin. Sie nutzt ihn wie einen Baukasten, dessen Bestandteile sie zerlegt, Materialexperimenten unterzieht und mit anderen Werkstoffen kombiniert. In neuen Konstellationen ortsspezifisch in Szene gesetzt, lädt jedes noch so kleine Objekt das Publikum dazu ein, sich auf eine gedankliche Reise zu begeben und Assoziationen aufkommen zu lassen, die aber auch immer wieder zu entgleiten drohen. Strika spricht in diesen Zusammenhang von einem «Zwischenzustand des Unfertigen»: «Ich mag es, wenn die Objekte im flüchtigen Zustand bleiben. […] Der manchmal unerträgliche Schwebezustand zwischen Möglichkeiten, bevor eine Entscheidung getroffen wird, die immer auch eine Vielzahl an Ausschlüssen mit sich bringt. Unsere Gedanken sind beständig ‹am Werden›. Die einzige Konstante dabei ist die Veränderung.»
Mit Sammlungswerken von: Marina Apollonio, Jakob Bill, Ulla von Brandenburg, Andreas Brandt, Claudia Comte, Arturo Di Maria, Ulrich Elsener, Rita Ernst, Sylvie Fleury, Arend Fuhrmann, Fritz Glarner, Hans Jörg Glattfelder, Daniel Göttin, Clare Goodwin, Marguerite Hersberger, Hans Hinterreiter, Beat Huber, Heidi Künzler, Manfred Mohr, Thomas Moor, Marcello Morandini, Olivier Mosset, Willy Müller-Brittnau, Jan van Munster, Sadie Murdoch, Carsten Nicolai, Michael Riedel, Nelly Rudin, Francisco Sierra, Nedko Solakov, Peter Somm, Renato Spagnoli, Cristina Spoerri, Natalia Stachon, Anton Stankowski, Jürg Stäuble, Dominik Stauch, Peter Struycken, Zdeněk Sýkora, Sophie Taeuber-Arp, Cassidy Toner, Romy Weber, Markus Weggenmann, Gido Wiederkehr, Shizuko Yoshikawa, Beat Zoderer
Unter der Rubrik «Spotlight» eingeladende Künstler*innen: Alexander Bühler, Guillaume Pilet, Sam Porritt, Ana Strika